Warum Wertschätzung lebensnotwendig ist

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Leben wertschätzen

Warum Wertschätzung lebensnotwendig ist

Eine Schulklasse erzählt…

Aufmerksamkeit – spüren was da ist

Letzte Woche hielt ich einen Workshop in einer besonderen Schulklasse. Ich war dort nicht zum ersten Mal. Ende 2015 wurde ich als Trainerin und Coach in diese Klasse gerufen, um den jugendlichen SchülerInnen zu vermitteln, wie wertschätzendes Zusammenleben und Zusammenarbeiten gelebt werden kann.

Ohne Erfolg. Die SchülerInnen und Schüler, blockten ab. Nahmen weder mich noch einen Erwachsenen bzw. Lehrkraft ernst. Sie konnten keine Gruppenarbeit durchführen – beschimpften sich gegenseitig aufs Schlimmste, und fast alle SchülerInnen hatten Einzelplätze in der Klasse. Sich eine Schulbank zu teilen war nicht möglich. Für die Lehrkräfte war jeder Gang in diese Klasse zu einer Überwindung geworden.

Das mag für viele Eltern, Lehrer und Beobachter nichts Neues sein. Viele Jugendliche reagieren heutzutage mit Trotz, Wut, Aggression und nehmen nichts mehr ernst. Schimpfwörter werden zum Spaß gebraucht und Mobbing kennen alle. Der Respekt und die Wertschätzung Erwachsener gegenüber lassen zu wünschen übrig. Konsequenzen sind den jungen SchülerInnen egal.

Den Ärger, den Frust, den Rückzug und die Aggression ernst nehmen – fehlenden Selbstwert erkennen

Irgendetwas war anders in dieser Klasse. Das konnte ich deutlich spüren. Wenn ich mit dem einen oder anderen Schüler in der Pause einzeln sprach, waren diese höflich und herzlich. Sie wollten nicht die schlimmste Klasse aller Zeiten sein. Ein Schüler fragte mich:

„Was soll das bringen? Die anderen wollen einfach nicht. XY zum Beispiel, hat letztes Jahr seine Mutter an Krebs verloren. Deswegen ist er so aufgedreht und aggressiv. Schule ist unwichtig für ihn.“

Da wusste ich, dass diese Klasse kein Standard-Konzept für Soziale Kompetenz benötigt, sondern eine menschliche, wertschätzende und liebevolle Aufmerksamkeit. Ich musste mir Zugang zu ihren Herzen verschaffen um gehört zu werden.

Von der Klassenlehrerin erfuhr ich, dass es noch zwei weitere Schicksale in dieser Klasse gibt. U.a. ein junges Mädchen, das noch vor drei Monaten an einer schweren Depression (mit Suizidgedanken) erkrankte.

Ich war tief betroffen. Kein Wunder, dass diese SchülerInnen rebellieren. Es können zwei bis drei „unruhige Schüler“ in einer Gruppe/Team eine Zusammenarbeit und Zusammenleben unmöglich machen – in der Schule, so wie in jeder anderen Gemeinschaft auch.

Gemeinsam mit der Schulleitung vereinbarten wir weitere Workshops.

Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen

Da besondere Situationen, besondere Maßnahmen erfordern, warf ich mein bestehendes Konzept für diese Klasse um und konzentrierte mich auf Spaß und Spiel und gab nur kurze Theorie-Inputs.

Im darauffolgenden Workshop legte ich den Fokus auf ein besonderes Teamspiel. Gemeinsam einen Turm bauen. Jede Schüler und jede Schülerin waren mittels Seile miteinander verbunden. Nur gemeinsam können sie diesen Turm bauen. Ich filmte diese Aktion. Frust, Wut, Ärger und Beschimpfungen wie: „Hey! Mach Suizid“ und „Du Behinderung“ waren für diese Kids in ihrem System (!) normal. Was mich wunderte, war, dass niemand das Spiel verließ. Niemand gab auf, was bei dieser niedrigen Frustrationsgrenze sehr üblich war.

Bei der anschließenden Reflexion meinten drei Schüler:

„Es war cool, wir haben zum ersten Mal was gemeinsam gemacht.“

„Schön, dass Sie wieder gekommen sind.“

„Das hat Spaß gemacht – und schön war, dass wir es gemeinsam geschafft haben.“

Ich war auf dem richtigen Weg, fühlte ich deutlich. Den Videomitschnitt wollten wir uns beim nächsten Mal ansehen.

Zum Kern durchdringen – mit Wertschätzung mehr Selbstwert erlangen

Der darauffolgende Workshop stellte alles in den Schatten, was ich bisher in meinen Beratungen und Workshops erlebt hatte. Wir saßen, wie jedes Mal in meinen Workshops, im Kreis. Eine besondere Energieform, die es allen ermöglicht sich in die Augen zu sehen. Keiner sitzt vorne oder hinten. Niemand ist erster oder letzter. „Die Augen sind das Fenster zur Seele“ – erzähle ich den SchülerInnen anfangs immer.

Ich benutze einen selbst gebastelten „Sprechstab“ um jeden Schüler, jeder Schülerin die Möglichkeit einzuräumen ungestört sprechen zu können, während die anderen „aktiv zuhören“ üben. Die SchülerInnen finden das nicht gerade prickelnd. Sie sind es nicht gewohnt und finden es peinlich zu erzählen, wie es ihnen gerade geht, was sie bewegt und was sie gerade Schönes oder weniger Schönes erlebt haben. Und obwohl drei Lehrkräfte mit im Kreis sind, sprechen sie dazwischen, flüstern und lachen über andere.

Da besondere Situationen besondere Maßnahmen erfordern, bat ich die SchülerInnen diesmal nicht darum zu erzählen wie es ihnen geht, sondern habe ihnen ein Thema mitgebracht. WERTSCHÄTZUNG.

Die SchülerInnen kannten den Begriff Wertschätzung. Sofort erzählten sie, dass das etwas ist, das einen Wert hat, wie ein neues Handy und ein tolles Auto, neue Markenschuhe oder teure Klamotten.

Auf meine Frage, ob auch der Mensch einen Wert besäße, wussten sie vorerst keine Antwort. Langsam und zögerlich kamen dann Antworten wie: „Ja, sicher“ und „Nicht alle“ und „vielleicht schon“. Die meisten SchülerInnen sagten nichts dazu.

Ich erklärte ihnen, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft schnell und oft die materiellen Werte über die menschlichen Werte stellen. Und dass wir höher schätzen, was ein neues Handy gekostet hat, als die Gefühle eines Menschen.

Schüler erzählen…

Jedem Schüler, jeder Schülerin überließ ich den Sprechstab und sie sollten erzählen, ob ihnen Wertschätzung wichtig ist, und ob sie das Gefühl haben wertgeschätzt zu werden (Zuhause, Schule, Freunde…). Die SchülerInnen waren verhalten und verunsichert. Niemand wollte sich der Klasse öffnen.

Ein Junge erzählte dann, dass er gerade eine Drei geschrieben hatte, sich darüber gefreut hat und seine Mutter ihn ausschimpfte, weil er ihr nicht erzählte, dass er in dieser Woche eine Arbeit schreiben musste. Die X-Box war dann weg – meinte er noch wütend. Aber es sei ihm jetzt egal, er hätte sich ein dickes Fell zugelegt, ärgert seine Mutter mit Scherzen deswegen und lässt nichts mehr an sich rankommen. Man muss sich ein dickes Fell zulegen, dann wird alles egal, meinte er.

Die anderen Schüler stimmten dem einstimmig zu. Es wurde immer ruhiger und die Aufmerksamkeit in der Runde stieg.

Ich erzählte den SchülerInnen, dass sich ein dickes Fell zuzulegen viel Kraft und Energie kostet und dass man dann wenig Vertrauen und ehrliche Gefühle erleben kann. Ich erzählte auch, dass es Menschen gibt, die im Kindergarten den Gruppen- bzw. später den Klassenclown spielen und diese Rolle auch im Erwachsenenalter nicht ablegen können. Sie sind immer lustig und machen viele Scherze über die alle lachen müssen und tief hinter ihren Masken sind sie sehr traurig und einsam, weil sie das Gefühl haben nicht wahrgenommen zu werden und nicht wertgeschätzt zu werden.

Die Klassenlehrerin erzählte, dass zwei ihrer Freunde solche Clown-Masken trugen und sich später das Leben genommen hatten. Das macht sie heute noch sehr traurig.

Eine besondere Energie füllte den Raum, alle wurden still. Dann meinte ein Junge: „Es kann ja wohl nicht sein, dass man sich einfach das Leben nimmt. Man muss doch auch auf die anderen denken. Die leiden doch. Die Eltern, die Geschwister, die Freunde… – man kann doch nicht einfach an sich denken…“

Ich nahm das Thema auf, es schien den jungen SchülerInnen besonders wichtig zu sein. Alle hörten aufmerksam zu. Plötzlich ging die erste Hand nach oben – lautlos.

„Ja, mein Opa hat sich erhängt – wir haben ihn am Dachboden gefunden. Er wollte nicht mehr leben.“

Ich fragte die SchülerInnen, ob ich ihnen meine persönliche Geschichte erzählen darf und ob sie Interesse daran haben. Ich hätte die Geschichte noch niemals jemanden erzählt, außer meinen engsten Freunden. Die SchülerInnen waren ganz Ohr und unglaublich wertschätzend.

Das Leben wertschätzen – gestärkt aus Krisen

Als es passierte, begann ich zu erzählen, waren unsere Zwillinge gerade eineinhalb Jahre alt. Wir waren mit dem anstrengenden Umbau unserer Wohnung erst fertig geworden und freuten uns auf eine Erholungsphase und unser junges Familienleben nun endlich genießen zu können. Mein Mann war leidenschaftlicher Paraglider. An diesem besagten Tag nahm er sich Urlaub und gemeinsam mit seinem Freund unternahm er einen Flugtag in Salzburg.

Ich war mit den Zwillingen abends noch spazieren, als mich der Anruf erreichte. Mein Mann sei abgestürzt und liegt auf der Intensivstation. Er überlebte nur knapp. Und die Ärzte meinten er würde für immer an den Rollstuhl gefesselt bleiben. Mein Mann verweigerte sämtlichen Besuch und akzeptierte nur mich an seiner Seite – er schämte sich, weil ihm dieser Unfall passiert ist. Er erzählte mir fortlaufend, dass er nicht mehr leben möchte. Wenn er nur könnte, würde er sich mit dem Rollstuhl vom Dach stürzen und ich solle ihm doch eine Waffe mitnehmen, damit er dem ein Ende machen kann. Ich war fix und fertig und wusste nicht mehr was ich tun sollte. Mein Mann verspürte keinen Lebenssinn mehr.

Da kam mir eine Idee. Ich bat meine Nachbarin mit mir und den Zwillingen ins Krankenhaus zu fahren, um meinen Mann zu besuchen. Er hatte die Kinder seit dem Unfall nicht mehr gesehen. Er sollte wieder einen Sinn im Leben bekommen – durch seine Kinder. Als wir die Tür zum Krankenzimmer öffneten und die Zwillinge gleich ans Bett liefen und „Papa, Papa!“ riefen, brach mein Mann in Tränen aus. Meine Nachbarin übernahm, wie vereinbart, die Zwillinge und ging mit ihnen in das Spielzimmer.

Mein Mann und ich redeten anschießend lange darüber wie unsere Zukunft denn nur aussehen würde. Und gemeinsam beschlossen wir an diesem Krankenbett, dass er alle Kraft und Energie aufwenden wird um wieder auf die Beine zu kommen und ich arbeiten gehen würde um unsere kleine Familie zu erhalten. Ein Rollentausch nahm seine Anfänge in diesem Krankenzimmer.

Als ich mit meiner Erzählung fertig war, kam die Klassenlehrerin auf mich zu und umarmte mich mit Tränen in den Augen. Ich versicherte allen in der Runde, dass es uns jetzt wieder sehr gut geht und dieses Schicksal jetzt siebzehn Jahre her ist. Mein Mann wieder gehen lernte und wir aus dieser schlimmen Krise gestärkt hervorgingen.

Wertschätzung betrifft den Menschen als Ganzes, sein innerstes Wesen

Die Schüler und Schülerinnen hoben einer nach dem anderen ihre Hand um sprechen zu dürfen. Zwei Drittel der SchülerInnen erzählten reihum, dass sie Todesfälle und schwere Unfälle im engsten Familienkreis miterlebt hatten.

Ein Junge erzählte er habe drei Jahre nicht mehr geweint, als seine Oma, seine Tante und seine kleine Schwester innerhalb nur eines Jahres verstorben sind. Tränen sind geflossen. Plötzlich umarmten sich Schüler und Schülerinnen. Die Lehrkräfte hatten Tränen in den Augen und wurden ebenfalls von den SchülerInnen umarmt. Auch ich umarmte und wurde umarmt. Immer weiter wollten die SchülerInnen erzählen – eineinhalb Stunden lang flossen Tränen, wurde umarmt, verließen einzelne Schüler kurzzeitig die Klasse (unterstützt durch eine Lehrkraft), um dann wieder zurück zu kommen und Teil zu haben an den Schicksalen der anderen SchülerInnen.

Kurz vor Ende der Stunde, bat ich alle Schüler und Schülerinnen sowie die Lehrkräfte noch einmal in den Kreis zu kommen. Wir gaben uns die Hände – zum ersten Mal ließ die Klasse dies zu. Ich bedankte mich bei den SchülerInnen für ihre Aufrichtigkeit, ihre Wertschätzung füreinander und sprach ihnen größten Respekt aus, dass sie so tiefe Wertschätzung gegeben und bekommen haben. Ich erzählte ihnen, dass wir in diesem Kreis nicht ohne Grund zusammengekommen sind. Jeder ist gleich viel wert. Dass es wichtig ist, dass alles was gesagt worden ist in diesem Kreis bleiben muss – aus Wertschätzung für den anderen.

Die Schüler erzählten, dass sie nicht wussten, dass andere Schüler ähnliche Schicksale durchleben mussten. Und, dass sie sie jetzt besser verstehen können.

Anschließend begleitete ich gemeinsam mit den Lehrkräften die Jugendlichen noch auf einen Spaziergang zum Spielplatz, um das gerade erlebte verarbeiten zu können und wieder in einen positiven und zuversichtlichen Gefühlszustand zu gelangen.

Als wir vom Spielplatz retour gingen, bot sich mir ein wunderschönes Bild. Alle SchülerInnen schritten in Gruppen dahin. Niemand ging alleine. Ca. zwölf Jugendliche bildeten eine Kette der Umarmung.

Wertschätzung

Wertschätzung ist lebensnotwendig

Ich bin dankbar und demütig das erleben zu dürfen und wünsche den SchülerInnen von Herzen, dass sie sich dieses neu gewonnene Vertrauen und die tief empfundene Wertschätzung lange beibehalten.

Wertschätzung ist ein Thema, das uns alle betrifft. Es ist eine tiefe Sehnsucht von Menschen als das was er ist und das was er erlebt hat wertgeschätzt, anerkannt und geliebt zu werden. Diese Schüler haben mir gezeigt, was passieren kann, wenn Wertschätzung nicht gelebt wird.

Wut, Angst, Rückzug, Frust, Aggression, Ablehnung und Beschimpfungen dominieren den Alltag, wenn der Mensch sich nicht als Ganzes, auf sein Wesen besinnt und wertschätzend mit sich selbst und anderen umgeht.

Ein Sprichwort sagt:

Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe – dann brauche ich es am meisten.

 

Ihre Regina Gotsmich

Fotos: fotolia

 

 


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